Dendrochronologie – Kunstobjekte

Mit Hilfe der Dendrochronologie lässt sich die Fällzeit eines Baumes bestimmen und somit erste Hinweise geben für die Entstehung von Gemälden, die auf Holz gemalt wurden. Damit ergibt sich zumindest ein „terminus post quem“ für die Entstehung von Gemälden. Das Prinzip des Verfahrens besteht darin, die Breite der auf der Gemäldetafel vorhandenen Jahrringe zu bestimmen und die daraus resultierende Jahrringfolge mit datierten Standardchronologien zu vergleichen. Durch die Einmaligkeit der Jahrringcharakteristik über Jahrhunderte und für verschiedene Wuchsgebiete lassen sich oft eine jahrgenaue Datierung und auch eine regionale Zuordnung des Holzes erreichen. Dieses Verfahren kann jedoch nicht bei allen Holzarten angewandt werden. Bei Gemäldetafeln eignet es ich für die Holzarten Eiche, Buche, Fichte, Tanne, Kiefer und Zirbelkiefer. Dagegen lässt sich diese Methode nicht bei Linde und Pappel anwenden. Bei den Holztafeln der flämischen Meister handelt es sich fast ausschließlich um Eichenholz und daher beziehen sich die folgenden Erläuterungen auch auf diese Holzart.

Für die Herstellung von Gemäldetafeln aus Eichenholz verwendeten die Tafelmacher normalerweise radial aus den Stämmen geschnittene Bretter. Hierbei wurden die Rinde und meistens auch das Splintholz abgetrennt. Eine jahrgenaue Bestimmung des Fälldatums des Baumes ist somit nicht mehr möglich, sondern nur eine jahrgenaue Angabe für den jüngsten vorhandenen Jahrring. Die Anzahl der abgetrennten Splintholzjahrringe und die Lagerzeit des Holzes werden aus statistischen Erhebungen abgeleitet. Sie stellen daher eine Wahrscheinlichkeitsaussage für das gesamte untersuchte Kollektiv dar. Im Einzelfall können Abweichungen von diesen Angaben auftreten. Auch die Herkunft der Eichen ist dabei von Bedeutung, da je nach Wuchsregion unterschiedliche Splintholzanteile auftreten. Im Allgemeinen ist innerhalb von Europa eine von Osten nach Westen hin abnehmende Splintjahrringzahl gegeben. Holz aus dem Osten Europas besitzt einen Median (Mittelwert) von 15 Splintholzjahrringen, wobei 50% aller Werte zwischen 13 und 19 liegen, mit Extremwerten von 9 bzw. 36 Jahrringen,bei Holz dagegen aus dem Raum Westdeutschland/ Niederlande ist von einem Minimum von 7 Splintholzjahren auszugehen und einem Median (Mittelwert) von 17 Splintjahrringen, wobei 50 % der Werte in der Spanne von 13 und 23 Jahren liegen. Gleichzeitig ist die Anzahl der Splintholzjahre abhängig von dem Alter eines Baumes, wobei bei älteren Bäumen eine höhere Anzahl von Splintholzjahrringen zu erwarten ist.
In der folgenden Tabelle sind nun die Anzahl der Bretter bei den einzelnen Gemälden aufgelistet, die Anzahl der Jahrringe bei den einzelnen Brettern sowie die jeweils jüngsten Jahrringe. Daraus folgt dann ein frühestes und ein wahrscheinliches Fälldatum. Um das frühest mögliche Fälldatum anzugeben – vor diesem Zeitpunkt kann das Gemälde nicht entstanden sein -, müssen somit mindestens 9 bzw. 7 Splintholzjahrringe dem letzten vorhandenen Kernholzjahrring hinzugerechnet werden. Das wahrscheinliche Fälldatum kann durch Addition des Medianes von 15 bzw. 17 Jahrringen erreicht werden. Es muss jedoch immer dabei bedacht werden, dass neben abgetrennten Splintholzjahrringen auch noch Kernholzjahrringe entfernt worden sein können. Die Datierung des jüngsten vorhandenen Jahrringes in der Tabelle ist jahrgenau, ebenso wie das früheste Fälldatum, während das wahrscheinliche Fälldatum einen Schätzwert darstellt.

Bei einer dendrochronologischen Altersbestimmung kommt eine weitere Unsicherheit in der Zeitspanne zwischen Fällung eines Baumes und seiner Verwendung hinzu. Zahlreiche dendrochronologische Datierungen von bauhistorischen Objekten mit bekanntem Baudatum belegen, dass das Holz normalerweise gleich nach seiner Fällung genutzt worden ist, weil es sich saftfrisch leichter bearbeiten lässt. Auch für Kunstobjekte gibt es Erfahrungswerte. Bei Gemäldetafeln liegen beispielsweise nur wenige Jahre zwischen der Fällung des Baumes und der Bemalung der Holztafeln. Für Eichen- und Buchenholztafeln des 16. und 7. Jahrhunderts ergaben sich Lagerzeiten des Holzes von überwiegend zwei bis acht Jahren.